Tracktest: Mercedes-AMG GT3 in Misano

Mercedes AMG GT3 Cockpit Tracktest

Im Cockpit ist es doch am schönsten und im Regen habe ich hier richtig Arbeit. (Foto: Kragenings)

Eine graue Suppe am Himmel, die in dicken Tropfen auf den Asphalt niederprasselt. Dazu pfeift kühler Wind durch die Boxengasse im italienischen Misano. Passend zum tristen Wetter gesellt sich ein graues Geschoss: der Mercedes-AMG GT3.

Mercedes AMG GT3 Tracktest

Normalerweise stehe ich nicht aufs Posen, aber beim AMG GT3 mache ich gern eine Ausnahme. (Foto: Kragenings)

Ich stehe neben dem neuen GT3-Boliden aus Affalterbach. AMG hat gleich zwei Exemplare davon zur Rennstrecke gebracht. Und ich soll hier zum ersten Mal in meinem Leben ein GT3-Auto fahren – bei Kälte, Regen und stehendem Wasser. Wenn schon anspruchsvoll, dann richtig!

Mercedes AMG GT3 Tracktest

Turbo? Nein! Zum Glück darf der AMG GT3 noch frei saugen. Die Geräuschkulisse überwältigt. (Foto: Kragenings)

Ein Hoch auf den freisaugenden V8

Die 2015 vorgestellte Rennversion basiert auf dem ein Jahr früher eingeführten Mercedes-AMG GT. Der SLS-Nachfolger wird von einem 4,0-Liter-V8-Biturbo angetrieben, der im extra scharfen R-Modell 585 PS leistet.  Doch im AMG GT3 gibt es keine Turbos. Es bleibt beim voluminösen 6,3-Liter-V8-Sauger. Mercedes-AMG-Werkspilot Thomas Jäger erklärt mir: „Der Saugmotor hat sich im SLS GT3 bewährt und ist deutlich wartungsfreundlicher als ein Turbo-Triebwerk.“ Darüber hinaus fand ich den V8-Sound schon immer betörend. So gut kann kein Turbo klingen.

Mercedes AMG GT3 Tracktest

Imposante Schnauze: Grimmig blickt der AMG nach vorn. (Foto: Kragenings)

Einen AMG GT3 zum Preis von drei Häusern

„Unser Ziel war es ein Auto zu bauen, dass von Profi- wie Amateurrennfahrern schnell und sicher bewegt werden kann“, ergänzt Thomas. Gut ich zähle mich definitiv zu den Amateuren. Zwar bin ich schon ein paar Rennen gefahren, aber in so einer Kiste durfte ich noch nie Platz nehmen. Das Auto kostet über 450.000 Euro, davon könnte ich mir in meiner ländlichen Heimat drei schicke Häuser kaufen. Doch ich steh einfach mehr auf Rennwagen. Also: Helm auf und rein in den engen Schalensitz.

Der Sitz ist fest montiert. Gute Ergonomie garantiert die verstellbare Pedaliere. Außerdem lässt sich das Auto im Rennen so schneller auf mehrere Fahrer anpassen. Das kleine Lenkrad überflutet eine Reihe von  großen Knöpfen. Davon soll ich allerdings die Finger lassen. Das zehnfach einstellbare Renn-ABS und die elfstufige Traktionskontrolle sind auf das schlechte Wetter in Misano eingestellt. Ein Grund mehr, sich voll auf das Fahren zu konzentrieren.

Nach der Einweisung durch den Rennprofi heißt es: „Zündung an!“ Dann drücke ich den Startknopf am Lenkrad. Aus den Sidepipes, die direkt unter der Tür ins Freie pusten, beginnt der V8 sich warm zu blubbern. Noch etwas unrund, aber Rennwagen dürfen das. Ersten Gang per Schaltwippe einlegen, die extrem aggressive Kupplung langsam kommen lassen und mit etwas Gas anfahren.  Hoppelig rolle ich aus der Box, aber Hauptsache nicht abgwürgt. Schließlich schaut die komplette Mechaniker-Crew zu.

Es regnet noch in Strömen über dem 4,2 Kilometer langem Kurs und vor mir pilotiert Renn-Ass Jan Seyffarth einen Straßen-AMG-GTS. „Die Linie hier in Misano ist nicht einfach, weil es eine Motorradrennstrecke ist. Da liegt der Gummi an anderen Stellen als du denkst“, gab er mir mit auf den Weg. „Und bei dem stehenden Wasser musst du erst recht vorsichtig sein!“

Dennoch will ich es direkt an der Boxenausfahrt wissen und latsche voll auf das rechte Pedal. Ein fettes Grinsen meiselt sich in mein Gesicht und mehr als „Wooohooo!“ bringe ich nicht über die Lippen. Wie der V8 den 1285 Kilogramm schweren Boliden anschiebt und sich dabei anhört ist einfach unbeschreiblich. Die Leistung liegt irgendwo bei 550 PS. Der Saugemotor dringt durch meinen gesamten Körper. Bei jedem Schaltvorgang knallt es. Wenn ich bremse und an der linken Wippe ziehe, faucht der AMG GT3 wütend als ob er den niedrigeren Gang gar nicht einlegen möchte. Also wieder Gas und an der rechten Wippe hochschalten, sobald die LEDs im Display rot flackern.

Trotz des Regens knacke ich auf der Geraden die 200-km/h-Marke. Die ausgefeilte Aerodynamik schafft Vertrauen beim Fahrer und so lässt sich der Mercedes-AMG GT3 auch im Nassen erstaunlich sicher bewegen. Irgendwie habe ich mir das noch schwieriger vorgestellt. Aber genau an dieser Einfachheit haben die AMG-Ingenieure gearbeitet. Das Auto soll schließlich für nahezu jeder leicht bedienen können. Wenn es dann aber um die entscheidenden Zehntelsekunden geht, dann ist der Profirennfahrer gefragt.

Nach gut 20 Minuten muss ich zurück an die Box. Die aufgeheizten Regenreifen dampfen, als mich die Mechaniker rückwärts in die Garage schieben. Meine Temperatur ist ebenso deutlich gestiegen, aber das Grinsen bleibt in meinem Gesicht.

Das Fazit: Ein heiles Auto und ein glücklicher GT3-Debütant. Der Mercedes-AMG GT3 ließ sich im Regen wirklich leichter beherrschen als ich dachte. Allerdings weiß ich auch, dass ich noch lange nicht das Potenzial des Renners ausgeschöpft habe. Denn um das zu können, braucht es deutlich mehr Zeit.

Video-Fahrbericht bei auto motor und sport

Dieser Beitrag wurde unter Auf der Rennstrecke, Fahrberichte, Video abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>